Praktisch genau in der Mitte zwischen der EclipseCon und JavaOne fand an diesem Ende des Großen Teichs erneut die JAX in Wiesbaden statt. Was die Anzahl der Besucher anbelangt, so ist es zwar kein Vergleich mit der zeitlich fast identisch gelegenen Hannover Messe (vermutlich auch der Grund, weshalb Angela Merkel dort war und nicht auf der JAX? ;-), aber in der EDV Branche sicher unter den größten in Europa und weiten Teilen Asiens. Vergleichbar gut besuchte Events wie die JavaPolis, die heute aus noch nicht erforschtem Grund umgetauft werden soll, hatten zuletzt etwa um die 3000 Besucher. Die JAX 08 lag nach Angaben der Veranstalter knapp darunter. Doch findet man sonst wohl kaum eine IT Fachmesse in Eropa, die sich speziell an Entwickler und Architekten widmet in ähnlicher Dimension. Eine CEBIT lassen wir als Enduser-Veranstaltung hier lieber außen vor, auch wenn die Kanzlerin dort bestimmt erneut vorbeikommt ...
Insider-Bericht
In Form einer kleinen Serie lesen Sie hier in den nächsten Wochen persönliche Kommentare bekannter Speaker der JAX 2008.
Highlights
Highlights dieses Jahr waren wohl zweifellos Spring und Eclipse. Nicht dass es daneben in Bereichen wie Agile, SOA, Mobile oder Ruby nicht auch viele interessante Themen gab. "Stars" und weltweit bekannte Vertreter der Branche kamen aber zumeist aus den Committing Members der Eclipse Foundation, wo neben meiner Wenigkeit so visionäre Leute sprachen, wie Mik Kersten, der Eclipse Evangelist Wayne Beaton und auch Eclipse Chairman Mike Milinkovich sowie zahlreiche andere Eclipse Projektleiter.
Seit STS (nicht mit der Austropop Gruppe aus den 80ern verwechseln, die in Fürstenfeld blieb) decken SpringSource und Rod Johnson ohnehin beides ab. Er war auch dank Eröffnungskeynote sicher eine der tragenden Persönlichkeiten. Ohne den auch aus Österreich stammenden Jürgen Höller zu vergessen. Sonst auf englischsprachigen Events wie JavaPolis oder QCon weniger oft zu treffen, als sein Kollege.
Auch wenn sie Version 5 erst auf der JavaOne vorstellen, waren auch die beiden Vorträge von Liferay sehr interessant und nicht nur von deren Produkt dominiert. Ein in Amerika neu erwachender "Geiz ist geil"-Trend, wie es ihn seit der (letzten) Ölkrise nicht mehr gab, lässt erahnen, dass es neben Agile und Lean sicher auch mehr und mehr Open Source sein dürfte, womit nicht nur Schwellenländer oder die Münchner Stadtverwaltung massive Einsparungen erhoffen. Das unterstreicht aucht, dass Gernold Starke seine präsentierten "Arc42" Methoden ebenso als Open Source umschrieb. Leider sind die meisten Unternehmen, in denen sie zumindest teilweise Verwendung finden, mindestens so träge und "unagil" wie der Supercomputer aus Douglas Adams' Roman, der nach Milliarden Jahren diese Zahl ausspuckt. Somit ist die Community in diesem Bereich lange nicht mit jener von Spring oder Eclipse vergleichbar. Schade eigentlich. Vielleicht findet Herr Starke hier ähnlich gute Wege wie etwa ein Scott Ambler, seine anerkannten Methoden und "Weisheiten" mit einem starken Partner und Toolanbieter zu kombinieren? Er muss sich deshalb ja nicht wie jener gleich von IBM anstellen lassen. Dazu bieten gerade Kreise wie die Eclipse Foundation auch andere weniger drastische Möglichkeiten zur Kooperation.
Trotz oder gerade wegen anhaltender Kreditkrise sollte man die Präsentation der Eclipse Open Financial Market Platform (OFMP) nicht unerwähnt lassen. Dieses Projekt hat seit unserem Artikel dazu zwar noch nicht ganz soviel Zustrom erfahren, wie etwa das etabliertere OHF, aber zeigt sich dennoch weiterhin munter. Einer der Schwerpunkte auf Credit Risk Management neben anderen wie Währungsumrechnng etc. wirken wie geschaffen, einige bisherige Probleme im Finanzbereich mit zu bekämpfen. Es mag aus Geld- und Verständnismangel vieler Banken noch etwas dauern, aber ein besseres Werkzeug als Tausende Excel-Tabellen im Falle z.B. der Societe Generale stellt es bereits heute dar.
...und Eva sagt, ich habe Mundgeruch
Noch eine kleine persönliche Beobachtung, deren Titel sich aufdrängt, da ich just auf der Rückfahrt aus Wiesbaden im Zug vom 25. Jahrestag der im Stern veröffentlichten Hitlertagebücher von Konrad Kujau lesen konnte. Und dieses Zitat hier wirklich perfekt zum Thema passt. Es mag reiner Zufall sein, doch zwei der größten und prominentesten deutschen IT Konzerne, SAP und Software AG, verteilten auf der JAX beide ausgerechnet Pfefferminzdrops gegen Mundgeruch als Werbegeschenk.
Während die Keynote der Software AG von einem namentlich nicht genannt werden wollenden Besucher als trocken und mehr im Stil eines BOF beschrieben wurde, so helfen deren Drops sehr wohl gegen trockenen Hals und schlechten Atem. "Deployt" in einer netten Silberschatulle, die sogar wiederverwendbar sein sollte und so auch noch die Umwelt schonte. Die Dose von SAP hingegen kann ohne Dosenöffner oder Kettenhandschuh niemand ohne ernsthafte Schnittverletzungen aufmachen. Und ich sage das als jemand, der die meisten Mails derzeit am iPhone schreibt. Das soll nicht bedeuten, dass SAPs neue Ausrichtung auf Endbenutzerfreundlichkeit und Verbreitung ihrer Produkte bei KMUs (erneut) zum Scheitern verurteilt ist. Herr Apotheker sollte aber wohl beim nächsten Mal lieber seine Namensvetter fragen, statt eines übereifrigen PR "Principal Junior Assistent VP Director". Noch mehr hoffe ich, dass nicht genau jene Leute die Usability der Software testen, die sich für das Design dieser Pillendose entschieden?
Werner Keil ist Principal Architect und Berater der Portalentwicklung bei T-Mobile sowie Gründer und Geschäftsführer von Creative Arts & Technologies. Nach vergleichbaren Tätigkeiten für Nokia oder BEA Systems. Sein Schwerpunkt liegt im technischen Projektmanagement, dem Design und der Sicherheit verteilter Enterprise-Softwarearchitekturen. Er ist Entwickler und Mitbegründer zahlreicher Open-Source-Projekte, zumeist auf Basis Enterprise Java oder Eclipse. Im Zuge dessen ist er Committing Member der Eclipse Foundation, im Java Community Process und Spec Lead des JSR 275.
