In Böblingen befindet sich eines der größten Entwicklungszentren von IBM weltweit. Peter Pagel, Leitender Redakteur von Business Technology, sprach mit Udo Hertz, Leiter Information-Management-Technologien über den Forschungstandort Deutschland und über die Bedeutung von Information Management für das heutige Geschäftsleben.
Wie ist das Entwicklungszentrum in Böblingen in der Gesamtstruktur von IBM verortet?
Udo Hertz: Im Gegensatz zu vielen IBM-Standorten haben wir keine regionale, sondern eine internationale Orientierung. Das zwingt uns, mit der Technologie immer an vorderster Front dabei zu sein, insbesondere da wir eines der weltweit größten Entwicklungszentren der IBM sind. Ich leite in Böblingen den Bereich Information-Management-Technologien. Wir befassen uns also mit Themen wie BI oder Performance-Management. Insgesamt haben wir hier etwa 750 Mitarbeiter im Softwarebereich. In meinem Bereich sind es 250.
Was ist genau der geschäftliche Nutzen von Information-Management?
Hertz: Unser Ziel ist Information on Demand. Geschäfts relevante Aufgaben führen häufig sehr schnell zu Fragen über Basisinformationen im Unternehmen. Zum Beispiel:"Was weiß ich über meine Kunden xyz?". Information on Demand soll Entscheidern zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Informationen liefern. Ein Schlüssel dazu sind Datenintegration und Datenanalysen. Wir haben hier zum Beispiel Kompetenzen in Datawarehousing, sowie Data Mining und Text Analyse. Durch den Einsatz solcher Mechanismen werden operative Daten zu wertvollen Unternehmensinformationen verknüpft. Schließlich sind wichtige Daten in Unternehmen über verschiedene relationale Datenbanken verteilt und müssen intelligent verknüft werden.
Was tun Sie, um qualifizierten Nachwuchs zu gewinnen?
Hertz: Wir arbeiten direkt mit Hochschulen zusammen. Enge Kontakte bestehen zu insgesamt zehn deutschen Lehrstühlen im Datenbankumfeld. Beispiele sind Stuttgart, Dresden, Berlin, München oder Potsdam. Mit Potsdam arbeiten wir beispielsweise im Bereich der Datenintegration zusammen. Über die Zusammenarbeit mit den Forschungsinstituten der Hochschulen hinaus, bieten wir regelmäßig Studenten Praktika hier in Böblingen an. Wenn Sie bei uns in die Kantine gehen, sieht es manchmal fast aus wie in einer Uni-Mensa. Ein Praktikum ist immer auch eine gute Möglichkeit, um sich gegenseitig zu beschnuppern. Wir erfahren, ob die Praktikanten das richtige Potenzial für IBM haben und umgekehrt merken sie, ob unsere Kultur und Arbeitsweise zu ihnen passt.
Es klopft. "Kaffee?" eine Angestellte aus der Kantine öffnet die Türe und schaut uns fragend an.
Hertz: Nicht dass Sie denken, dass das ein Sonderservice für Besucher ist. Unser Kaffeewagen wird zweimal täglich durch das Gebäude gefahren. Wir haben hier viele Mitarbeiter, die so in ihre Arbeit vertieft sind, dass der Kaffeewagen eine gute Möglichkeit darstellt, sie daran zu erinnern, dass sie auch mal eine Pause einlegen.
Was sollte man noch über IBM Böblingen wissen – vom Kaffeedienst einmal abgesehen?
Hertz: Interessant ist sicher - gerade aus deutscher Perspektive - dass wir innerhalb von IBM weltweit die Verantwortung dafür tragen, dass SAP und IBM-Technologien reibungslos funktionieren. Dafür haben wir insgesamt 25 Mitarbeiter direkt in Walldorf sitzen. Gemeinsam mit SAP entwickeln wir Konzepte dafür, wie man die DB2 Datenbank auf SAP optimieren kann und setzen diese dann um. Gleiches machen auch die Kollegen aus den Hardware-Bereichen hier in Böblingen.
Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt bei uns ist die Entwicklung von Suchtechnologien. Die Data-Mining- und Textanalyse-Kompetenz der IBM befindet sich in Böblingen. Interessanterweise gibt es beim Data-Mining zurzeit übrigens eine Renaissance. Das liegt daran, dass mittlerweile sehr viel mehr Informationen gesammelt werden, als das früher der Fall war. Deshalb ist eine effiziente Verdichtung und Analyse dieser Informationen nötig, damit man überhaupt etwas mit diesen riesigen Datenmengen anfangen kann.
Ein weiterer Trend den wir sehen, ist das Zusammenwachsen der Analyse strukturierter und unstrukturierter Daten. Ein Großteil der relevanten Daten liegt ja heute eben nicht in gut strukturierten Datenbanken, sondern vielmehr als ganz normaler Text in Emails oder Dokumenten vor. Wir können da durch die Verbindung unserer Textanalysekompetenz mit unserem Data-Mining-Wissen viel erreichen. Ganz wichtig sind bei diesem Thema natürlich die neuen Kollegen von Cognos. Als Business-Intelligence-Spezialisten steuern sie hier jede Menge wertvolles Wissen bei. Einige Cognos-Mitarbeiter arbeiten dafür seit kurzem hier bei uns vor Ort.
Wie gut integriert sind denn die neuen Kollegen? Entwickeln Sie bereits gemeinsam?
Hertz: Wir haben schon gemeinsam mit den Cognos-Experten Konzeptionen erstellt und steigen jetzt in die Technologieentwicklung ein. Durch die mehr als 60 Firmenzukäufe von IBM in den letzten fünf Jahren - davon ein Großteil in unserer Software-Sparte - haben wir viel Erfahrung mit der Integration neuer Teams und Technologien. Damit können wir schnell Neues anstoßen. Ein Beispiel ist die Firma Candle, wo wir nach etwa 18 Monaten eine integrierte Lösung fertig hatten und auf den Markt bringen konnten. Kommen Sie in einem Jahr noch mal vorbei, dann werden Sie wahrscheinlich vergleichbares bei Cognos sehen.
Zum Standort: Was macht Deutschland für IBM heute attraktiv?
Hertz: Deutschland ist einer der großen Märkte für die IBM Corporation. Die Wirtschaftsstruktur mit Weltmarktführern im Automobilbereich, Maschinenbau, in der Finanzbranche und der starke Mittelstand macht den Markt attraktiv. Ein weiterer wichtiger Faktor ist sicherlich die geografische Nähe zu SAP.
Außerdem darf man bei aller Kritik am deutschen Hochschulwesen nicht vergessen: Unsere Studenten werden international sehr geschätzt. Zum einen wegen ihrer hervorragenden Ausbildung, zum anderen weil sie schneller produktiv werden als andere. Wichtig ist für die Zukunft, dass wir die Qualität der Ausbildung weiter steigern, um im globalen Wettbewerb am Ball zu bleiben.
IBM beschäftigt Mitarbeiter aus der ganzen Welt. Wie ist das in Böblingen mit der Internationalität?
Hertz: Die Zahl ausländischer Mitarbeiter hat in den letzten Jahren zugenommen. Wir haben hier vor Ort Mitarbeiter aus 30 Ländern. Die meisten kommen aus Deutschland, aber eben auch eine zunehmende Anzahl aus China und Osteuropa. Gleichzeitig vernetzen wir uns in Projekten immer stärker mit den Kollegen der anderen Entwicklungszentren, Die Zeiten, in denen Projekte komplett in Böblingen abgewickelt wurden, sind definitiv vorbei. Heute arbeiten wir global und integrieren die Expertise vieler Teams weltweit für die Produktentwicklung.
Gleichzeitig verfolgt IBM aber auch ganz gezielt die Strategie, Hard- und Software Entwicklung in den wichtigen Märkten vor Ort zu betreiben.
Wir haben beispielsweise neue Entwicklungszentren in Vietnam, Malaysia und bald auch in Singapur. Übrigens sind die Kosten nicht der entscheidende Grund, dort hin zu gehen. Übrigens sind die Kosten nicht der entscheidende Grund, dorthin zu gehen. Für uns ist es wichtig, die technologische Kompetenz der lokalen IT-Experten zu nutzen und damit gleichzeitig den Kunden Zugang zur IBM Entwicklung und Forschung zu bieten.
Herr Hertz, wir bedanken uns für das Gespräch.